Die Zwerge von Mid-Nor

Abgründe des Aegis-Gebirge, Vorzeit: Mid-Nor war ein Urahn, ein Zwerg von Tir-Na-Bor, dem die Götter des Aegis-Gebirges besondere Kräfte verliehen hatten. Eines Tages spürten die Priester der Zwerge eine Böse Macht, die sich in den Abgründen erhob. Gemeinsam mit anderen Urahnen zog Mid-Nor in die tiefen Gewölbe im Zentrum der Erde hinab, um sich dem Bösen zu stellen.
Entgegen den Vermutungen der Priester bekämpften sie dort jedoch nicht eine Schar von bösartigen Kreaturen der Hölle, sondern sahen sich stattdessen einer Hydra mit riesigen Köpfen, erfüllt von göttlicher Macht, gegenüber. Furchterfüllt ergriffen die Urahnen die Flucht. Einzig Mid-Nor stellte sich der Bestie zum Kampf.
 
Der Kampf währte mehrere Tage, unerbittlich bekämpften sich die beiden Widersacher ohne Pause. Schließlich erkannte Mid-Nor, dass er diesen Kampf nicht lebend gewinnen konnte. Also ließ er seine Deckung fallen und griff mit aller Kraft, die ihm geblieben war an. Die Hydra erkannte die verzweifelte Attacke zu spät und obgleich sie Mid-Nor tödlich verletzte, gelang es dem Helden mit seinem letzten Hieb, der Hydra den tödlichen Stoß zu versetzen.
 
Dann verließen ihn die von den Göttern des Aegis-Gebirges gegebenen Kräfte. Doch kurz bevor er sein Leben aushauchte, belegte er sein Schwert, von dem das Blut der Hydra tropfte, mit einem fürchterlichen Fluch, der die anderen Urahnen und die Herrscher der Festungen des Aegis-Gebirges treffen sollte, da sie ihn verrieten und allein hatten sterben lassen.
 
Abgründe des Aegis-Gebirge, jüngere Vergangenheit: Nach Mid-Nors Tod hatte für viele Jahrhunderte niemand mehr die Abgründe betreten. Erst der Held Van-Ahn-Kaer setzte schließlich wieder einen Fuß in diese lichtlose Unterwelt. Auf seinem Weg in die Abgründe fand er schließlich ein Schwert. Das Schwert Mid-Nors. Van-Ahn-Kaer nahm es an sich und fühlte sofort, wie ihm die Waffe ungeahnte Kräfte verlieh. Doch im selben Maße wie seine Kraft zunahm, wurde sein Geist geschwächt und schließlich gelang es dem Geiste Mid-Nors, Besitz über die Seele des Helden zu erlangen.
 
Als Van-Ahn-Kaer wieder das Licht der Sonne erblickte, war er nicht mehr der Held, als der er aufgebrochen war. Er betrat die Festung Ka-In-Ar und tötete den Herrscher der Festung, Keir-Amrik. Als die Leibwache des Herrschers herbeieilte, metzelte er auch diese nieder. Und sobald ein gefallener Zwerg tot den Boden berührte, erhob sich sein Leib erneut und wandte sich gegen seine früheren Brüder, besessen von der unheimlichen Macht Mid-Nors.
 
Als ihr Werk getan und die Festung entvölkert war, zogen sich Van-Ahn-Kaer und sein neues Volk der Besessenen in die tiefen Gewölbe unter der Erde zurück.
 
Die übrigen Herrscher von Tir-Na-Bor berieten in der Festung Kar-An-Tyr was nun zu tun sei. Sie scheuten den Krieg gegen Van-Ahn-Kaer, da sie die Schuld der Urahnen erkannten, die Mid-Nor verraten hatten. Als einziger Ausweg erschien es ihnen, den Zugang zu den Abgründen unter Ka-In-Ar zu versiegeln und zu verhindern, dass weitere Dämonen aus den Tiefen aufsteigen würden. Über Van-Ahn-Kaer und dem Massaker in Ka-In-Ar wurde der Mantel des Schweigens ausgebreitet.
 
Abgründe des Aegis-Gebirge, heute: Dermaßen ihrem Wirken überlassen, konnten sich die Mid-Nor Zwerge immer weiter vermehren, wobei sich ihnen nach und nach nicht nur Zwerge, sondern auch allerlei andere Wesen anschlossen. Die Mid-Nor schlugen schnell neue Ausgänge aus den Abgründen, die nicht durch die Zwerge von Tir-Na-Bor versiegelt waren und begannen, Raubzüge in der näheren Umgebung zu unternehmen. Sie plünderten und brandschatzten jeden Ort und jeden Hof und alle, die nicht in ihrem Wahn umgebracht wurden, wurden entführt und in die Abgründe verschleppt. Den unglücklichen Seelen drohten Folter und Wahnsinn. Sobald der Geist gebrochen war, entnahmen die Mid-Nor den gefolterten Leibern die Organe und nähten sie in Puppen aus Haut ein. Der Geist Mid-Nors nutzte diesen Moment, um sich des geschundenen Körpers zu bemächtigen, die Seele zu versklaven und den neu geborenen Besessenen in seine Armee aufzunehmen.
 
Unter den Mid-Nor Zwergen gibt es keine wirklichen Individuen, ihre Handlungen werden stets vom Geiste Mid-Nors gesteuert und dienen immer dem Wohl des gesamten Volkes. Mid-Nor selbst entscheidet, welcher Zwerg besonders geeignet scheint, in den Genuss eines annähernd eigenständigen Verstandes zu gelangen. Diese Auserwählten macht er zu seinen Anführern und lässt ihnen die Freiheit, außerhalb der Abgründe eigene Entscheidungen zu treffen. Allerdings hat er jederzeit die Möglichkeit, diese Gunst ebenso wieder einzufordern. Auch aufgrund dieser Möglichkeit, von der er des öfteren Gebrauch macht, nennen die Zwerge Mid-Nor auch den Tyrannen.
 
Aufgrund der ständigen Präsenz wundert es nicht, dass die Priester Mid-Nors ein besonders enges Band zu ihrem Gott besitzen, wenngleich es den gelehrten der anderen Völker ein Rätsel bleibt, wieso die Mid-Nor in der Lage sind, Wunder zu wirken, schließlich waren weder Mid-Nor noch Van-Ahn-Kaer göttlichen Blutes. Es gibt verschiedene Theorien zu diesem Phänomen. Einige sagen, dass wohl nicht alle göttliche Macht Mid-Nor verlassen hatte, als dieser sein Leben aushauchte. Andere behaupten, die Göttlichkeit Mid-Nors hänge mit der Hydra zusammen, die ein göttliches Wesen gewesen sein soll. Doch wie auch immer die Rituale der Priester des Tyrannen funktionieren mögen, sie sind verheerend und grausam. Die Mid-Nor zeigen ihre Frömmigkeit nicht durch Gebete, sondern indem sie ihrem Gott neue Leiber bringen.
 
Die Abgründe sind mittlerweile derart weit verzweigt, das nahezu der gesamte Kontinent durch sie verbunden wird. Und da es kein anderes Volk wagen würde, eine wirkliche Offensive gegen die Mid-Nor zu starten, tauchen sie stets unvermittelt auf und ziehen sich ebenso schnell wieder zurück, nachdem sie ihre Ziele erreicht haben. Hierbei gehen sie völlig willkürlich vor, manchmal plündern sie die Ortschaften, die sie heimsuchen, manchmal töten sie alle Menschen dort, manchmal entführen sie einzelne und lassen alle anderen am Leben und manchmal kommt ein Mid-Nor einfach in ein Dorf, grinst bösartig und verschwindet wieder.
Das Volk der Mid-Nor ist in Kolonien organisiert, die von den mächtigsten Zwergen beherrscht werden, den Dominaren. Der Tyrann gewährt den Dominaren nahezu völlige Willensfreiheit, solange ihre Handlungen seinen Wünschen und Vorstellungen entsprechen. Die Dominare der Kolonien besitzen üblicherweise einen kleinen Kreis an Beratern, die sich um die verschiedenen Bereiche des Lebens kümmern, wie beispielsweise die Magie, die Erweiterung der Abgründe oder des Bandes mit Mid-Nor selbst. Alle anderen Angehörigen einer Kolonie sind willenlose Sklaven und handeln ausschließlich auf Befehl.

Nach und nach nahmen die Mid-Nor Kontakt mit anderen Völkern auf, mit denen sie mittlerweile sogar vereinzelte Handelsbeziehungen unterhalten. Üblicherweise erhalten die Mid-Nor durch diese Handel Waren, die nur schwer zu beschaffen sind und bieten im Gegenzug freies Geleit durch die Abgründe, um es ihren Verbündeten zu ermöglichen, Überraschungsangriffe auf ihre Feinde durchzuführen. Dennoch sind die Mid-Nor viel zu wahnsinnig und unberechenbar um von einem festen Bündnis zu sprechen. Und dies wissen auch die Herrscher der anderen Völker.

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